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Auf der richtigen Seite?!

Ein Blogbeitrag von Nicole van Achten, Mitarbeiterin des Vringstreffs und Mitglied des Städtepartnerschaftsverein Köln-Bethlehem zur Mauerkrippe, die vom 27.11.2016 bis 07.01.2017 rund um die Uhr im Vringstreff zu sehen ist.

Eine Mauer, die Drinnen und Draußen schafft

Bethlehem, Palästina heute – eine Stadt, an drei Seiten von einer Mauer umgeben – bis zu acht Meter hoch. Eine Mauer, die Palästina von Israel trennt, Hirten von ihren Feldern, Menschen voneinander – eine Mauer, die Drinnen und Draußen schafft. Würden Maria und Josef sich heute von Nazareth auf den Weg nach Bethlehem machen, so wäre dies auch im Zeitalter der Schnellstraßen und Sammeltaxis eine zeitraubende und beschwerliche Fahrt. Checkpoints, Straßensperren, fehlende Genehmigungen und Passierscheine – eine beschwerliche und demütigende Reise quer durch die besetzten Gebiete des Westjordanlandes.

Je nachdem von welcher Seite sie nach Bethlehem kommen, steht die Mauer womöglich als unüberwindbares Hindernis. Hätte Maria es noch rechtzeitig bis nach Bethlehem geschafft, oder wäre das Kind weder im Stall oder in einer Grotte sondern schutzlos vor der Mauer zur Welt gekommen?  Wo wäre überhaupt der richtige Ort, vor oder hinter der Mauer? Wer entscheidet über deren Bau? Wer entscheidet über die richtige Seite?

Mauern begrenzen die Sicht und verkleinern Horizonte

Fest steht: Mauern bzw. Trennungsanlagen jeglicher Art verhindern den Kontakt, das Kennenlernen und Zusammenleben von Menschen, sie hemmen ökonomische Entwicklungen, behindern Bildungsangebote.

Mauern zwischen Ländern und Städten, Menschen und ihrer Arbeit, Menschen und Menschen, in den Köpfen der Menschen begrenzen die Sicht, schaffen enge Blickwinkel und verkleinern Horizonte. Sie zerschneiden Verkehrswege, Lebensadern und sogar Lebenswege.

Der Blick über die Mauer

Mauern aus Stein entstehen in den Köpfen und umgekehrt. Separation schürt das Vorurteil über den Anderen, Fremden. Sie entscheidet über Drinnen und Draußen und die richtige Seite. Diese Mauern gibt es nicht nur in Bethlehem, sondern auch bei uns – ganz real und in unseren Köpfen.

Sie trennen uns von denen, die unsere Aufmerksamkeit, unseren Zuspruch und ganz konkret unsere Hilfe benötigen. Versuchen wir doch die Seiten einmal zu wechseln. Wo ist schließlich die richtige Seite? Dafür müssen wir einmal über die Mauer schauen, Öffnungen schaffen, sie bestenfalls einreißen. So kann ich den Anderen wahrnehmen und kennenlernen, wandelt sich Fremdes in Bekanntes, wird bestenfalls zum Vertrauten.

Bethlehem, Palästina heute – eine Stadt und deren Menschen, die mit Einengung und Zertrennung leben müssen. Die Menschen sind von Not und Arbeitslosigkeit betroffen und es mangelt ihnen an Perspektiven. Wir können hier bei uns diesen und andere Konflikte nicht lösen. Wir werden nicht die  Welt retten. Doch liegt es an uns, sie menschlicher und lebenswerter zu gestalten. Hier bei uns, direkt vor unserer Tür. Dann sind wir jedenfalls auf der richtigen Seite.

Sehenswert:

Die Mauerkrippe des Städtepartnerschaftsvereins Köln-Bethlehem ist vom 27.11.2016 bis zum 07.01.2017, rund um die Uhr, im Fenster des Vringstreffs zu sehen.

Im Ferkulum 42, 50678 Köln, Severinsviertel

  1. Hermann Schläger

    Die Mauer in den Köpfen, die Mauer in der Realität: sie versperrt den Blick auf den Anderen, sie erniedrigt ihn, sie trennt brutal, sie grenzt aus, sie erschwert, verhindert gar Begegnungen, Gespräche. In der eindrucksvollen letzten Szene des Theaterstücks „Ich werde nicht hassen“ setzt sich der Hauptdarsteller auf einen Stuhl vor das Publikum und sagt: „Es wird Zeit, miteinander zu reden“ – über die Mauern hinweg, mit dem Anderen.

    Berührende Verse hierzu hat Mahmoud Darwisch verfasst, palästinensischer Dichter und Poet, mit 67 Jahren, viel zu früh, 2008, gestorben. Der Titel: „Denk an den Anderen“.
    Wenn du dein Frühstück vorbereitest, denk an den Anderen,
    vergiss nicht das Futter der Tauben.
    Wenn du zu deinem Krieg schreitest, denk an den Anderen,
    vergiss nicht jene, die den Frieden fordern.
    Wenn due deine Wasserrechnung begleichst, den an die Anderen,
    die ihr Wasser aus den Wolken einsaugen müssen.
    Wenn due zu deinem Haus zurückkehrst, deinem Haus, denk an den Anderen,
    vergiss nicht das Volk das in den Zelten wohnt.
    Wenn due schläfst und die Sterne zählst, denk an den Anderen,
    der keinen Raum zum Schlafen findet.
    Wenn du dich mit Metaphern befreist, denk an den Anderen,
    denk an jene, die ihr Recht auf Redefreiheit verloren.
    Wenn du an die Anderen in der Ferne denkst, denke an dich,
    sag: wäre ich doch eine Kerze in der Dunkelheit.

    (Übersetzung von Hakam Abd al-Hadi)

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